Daniels Wurst-Blog

Eklat zum Neujahrsempfang 2010 des Oberbürgermeisters der Stadt Ilmenau

Anders als es die Überschrift vermuten lässt, war der formelle Teil des diesjährigen Neujahrsempfangs des Ilmenauer Oberbürgermeisters sehr unterhaltsam und diplomatisch geprägt. In der Rede von Herrn Seeber wurde "Pro Bockwurst" als einzige politische Vereinigung neben der Hauspartei des OB genannt und kam sehr gut davon. Von konstruktiver Zusammenarbeit und guter Eingliederung in den Stadtrat war die Rede. Das Thema Fischerhütte - einst nur ein Kernthema der Bockwürste - war plötzlich vom OB und der Verwaltung intensivst unterstützt. Bis dahin alles in allem eine interessante Veranstaltung. Als Überleitung sei das vom OB genannte Zitat "Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich erarbeiten", welches er im Kontext der erfolgreichen lokalen Wirtschaft gebrauchte, zu erwähnen. Der ironische Zusammenhang ergibt sich später von selbst.

Nun versetzen wir uns zeitlich mal ein paar Stunden nach hinten. Der Uhrzeiger rast kontinuierlich Richtung 24 Uhr, das ein oder andere Getränk floss die Kehlen hinunter. An einem der letzten besetzten Tische wollen sich die Bockwürste von der noch fleißig mit Trinksprüchen feiernden Gesellschaft verabschieden. Dann nimmt die Geschichte ihren Lauf:

Von einem verdienten Stadtrat werden wir unserer ehemaligen Landtagspräsidentin und Ex-Rektorin der TU Ilmenau vorgestellt. Plötzlich kippt die Stimmung. Von Enttäuschung ist die Rede. Davon, zu bereuen, in Ilmenau Medienstudiengänge iniziiert zu haben. Von Verantwortung, derer Professoren nicht gerecht werden...

Was war passiert? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass uns als Mitarbeitern der TU Ilmenau, als studierten Kommunikationswissenschaftlern und Informatikern vorgewurfen wurde, unsere erlernten Kompetenzen mißbraucht zu haben, um kommunalpolitisch aktiv zu werden. Je öfter ich darüber nachdenke, desto absurder wirkt die ganze Aussage. Bereut also unsere ehemalige Präsidentin des Thüringer Landtags in Ihrer Position als Rektorin, Studiengänge eingerichtet zu haben, die Individuen das Denken und die politische Partizipation lehren? Bereut sie, Studiengänge eingerichtet zu haben, die Menschen ausbilden, die nicht für die CDU aktiv werden wollen, sondern ihre Vereinigung "Pro Bockwurst" nennen? Zum passenden Zeitpunkt zitierte mein Fraktionskollege die geflügelten Worte Goethes „Die ich rief, die Geister, Werd’ ich nun nicht los.“
Spätestens ab diesem Punkt führte die aufgeheizte Stimmung dazu, dass wir uns entschieden, den einzig noch besetzten Tisch und die Festhalle zu verlassen. Der eine blickte entsetzt, wie sich eine Situation in dieser kurzen Zeit derart aufheizen konnte. Der andere verabschiedete uns mit zynischen Bemerkungen.

Was mir seit dieser Situation und jetzt noch viel mehr bewusst ist: Wir machen weiter! Wenn sich eine ehemalige Landtagspräsidentin/ TU Rektorin und deren Gesellschaft derart benehmen, ja sogar angegriffen fühlen von der reinen Existenz und dem Willen der politischen Mitwirkung junger Leute, die nicht ihrer christ-demokratischen Kaste entstammen; ja genau dann sind wir auf dem richtigen Weg.

Wenn Frau Prof. Schipanski auch am nächsten Morgen, wenn sie aufwacht, noch der Meinung ist, die Medienstudiengänge lieber nicht an der TU Ilmenau eingerichtet zu haben, nur weil Absolventen und Mitarbeiter dieser Studiengänge politisch aktiv werden, dann ist das ein Paradebeispiel für den Sumpf der politischen Unkultur in Deutschland, der trockengelegt werden muss.

In diesem Sinne verweise ich erneut auf das von unserem OB genannte Zitat und wünsche ich euch eine gute Nacht!

KommentareKommentare

  • Ingmar Steinicke
    Ingmar Steinicke 22.01.2010 13:52

    Gab es bei der eigenartigen Aussage von Frau Schipanski nicht vielleicht auch einen Bezug zu dem Schlagabtausch bei den Festreden zum 10jährigen Bestehen des IfMKs? Damals leuchteten ja auch schon so ein paar Dinge durch... Nach deinen Ausführungen hier, muss das beim Neujahrsempfang ja echt wild gewesen sein...
    Ansonsten möchte ich den Spruch bezüglich des Neides von Herrn OB Seeber hier nicht unkommentiert lassen. Schließlich ist er einfach falsch! Es gibt genügend Dinge, wo man jede Menge Neider bekommen kann und man im Endeffekt keinen Finger dafür krum machen musste. Meist sind das Fälle, wo der Neid anderer auch besonders spürbar wird. Z. B. bei einem hohen Lotto-Gewinn, bei einer hohen Erbschaft, bei angeborener Schönheit (und damit verbundenem Erfolg beim anderen Geschlecht) oder besonderer Intelligenz (und damit verbundener Argumentationsstärke oder anderem)...

     
  • Gunther Kreuzberger
    Gunther Kreuzberger 22.01.2010 14:04

    Ich habe die letzten Stunden damit verbracht, mich zu einer nüchternen Betrachtung dieser eigentlich absurden Begebenheit zu zwingen. Wie Daniel es schon sagt: "Politische Partizipation, jetzt erst recht!" Und zwar nach dem Buchstaben des Grundgesetzes und nicht nach den Spielregeln der selbst ernannten Gralshüter. Ein wenig passt da ein weiterer Verweis auf den in Ilmenau sehr verehrten Herrn Goethe: "Ein Sumpf zieht am Gebirge hin, verpestet alles schon Errungene..."

    Frau Schipanski kann ihre Einlassungen zu den Medienstudiengängen nicht wirklich ernst gemeint haben, denn sie würde entweder angehörige Kolleginnen und Kollegen ihrer eigenen Uni für die Etablierung eines sehr erfolgreichen und hoch bewerteten Studiengangs beschimpfen oder sie beschimpft ehemalige Studierende und jetzige wissenschaftliche Mitarbeiter für ihr gesellschaftliches Engagegment in der akademischen und nunmehr kommunalen Selbstverwaltung. Frau Schipanski, es sind weniger die Medienstudiengänge, denen die "Bockwürste" ihren Werdegang zu verdanken haben, sondern eher die Mitarbeit in den Gremien der akademischen Selbstverwaltung der TU Ilmenau! Sollten Sie, Frau Schipanski, auf Ihrer Meinung beharren, dann lade ich Sie zu einer von neutralen Personen moderierten hochschulöffentlichen Debatte über die Ziele einer Hochschulausbildung sowie über die studentische Mitwirkung in den Gremien der akademischen Selbstverwaltung ein.

    Im Übrigen hatten Sie, Frau Schipanski, sich Fotos von den "Bockwürsten" gewünscht. Diese finden Sie hier, auf dieser Website! Und gleich daneben finden Sie die Inhalte für die wir stehen. Vielleicht setzen Sie sich erst einmal damit auseinander. Unsere Kolleginnen und Kollegen aus dem Ilmenauer Stadtrat haben das getan und arbeiten spätestens seit dieser Zeit sehr konstruktiv mit uns im Sinne der Stadt Ilmenau zusammen.

     
  • Martin Emmer
    Martin Emmer 22.01.2010 18:50

    Hallo liebe Stadträte, gibt's denn ein etwas exakteres Protokoll darüber, was da genau zu wem gesagt wurde? Im Augenblick kann ich mir noch kein richtiges Bild davon machen: Ist das im direkten Gespräch zwischen euch passiert? Oder habt Ihr das nur zufällig mitbekommen?

     
  • Daniel Schultheiß
    Daniel Schultheiß 25.01.2010 14:14

    Hallo Martin,

    das mit dem genaueren Protokoll halte ich für etwas bedenklich. Der Vorfall passierte im direkten Gespräch mit Kö und mir, jedoch über eine Distanz von zwei Metern, nachdem wir der sitzenden Frau Prof. Schipanski vorgestellt wurden.
    Ich hatte inzwischen ein vertrauliches Gespräch mit einem ebenfalls Anwesenden, der eine plausible Erklärung für ihre Art und ihre Aussagen geben konnte.

    Beste Grüße
    Daniel

     

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